Weiterbildung Sexualtherapie

Die Behandlungsmöglichkeiten für Patienten und Patientinnen mit sexuellen Problemen und Störungen sind in der Bundesrepublik Deutschland bisher noch unzureichend. Dies gilt gleichermaßen für die Behandlung von sexuellen Funktions- und Luststörungen, von Perversionen/Paraphilien einschließlich Sexualdelinquenz, von Transsexualität und Geschlechtsidentitätsstörungen, von sexueller Traumatisierung, sowie von Sexualstörungen bei chronischen Erkrankungen. Durch eine ausbleibende, zu späte oder unzureichende Behandlung dieser Patientengruppe wird individuelles und familiäres Leiden verstärkt und verlängert, werden Störungen chronifiziert und psychosomatische Folgeerkrankungen in Kauf genommen, die nach dem Stand von sexualwissenschaftlich fundierter Psychotherapie vermeidbar wären. In den anerkannten Psychotherapie- Ausbildungsgängen kommt die Behandlung sexueller Störungen nach wie vor überwiegend zu kurz.

Neuere epidemiologische Studien belegen, dass sexuelle Störungen, vor allem die Funktionsstörungen, eine sehr hohe Vorkommenshäufigkeit haben und vielfach mit anderen organischen und psychischen Krankheiten vergesellschaftet bzw. die Folge von

medikamentösen Therapien oder chirurgischen Eingriffen sind. Es kann heute nicht mehr bezweifelt werden, dass sexuelle Störungen ein ernsthaftes Gesundheitsproblem
und daher auch ein wichtiges Feld psychotherapeutischen Handelns darstellen.
Dem veränderten Stellenwert sexueller Gesundheit und einer gestiegenen Nachfrage nach Leistungen des Gesundheitssystems – gerade auch durch ältere Patienten und Patientinnen – steht ein bislang völlig unzureichendes Versorgungsangebot gegenüber, das qualitativ wie quantitativ auch im europäischen Vergleich deutlich abfällt.

Die dringende Notwendigkeit zur Verbesserung qualifizierter sexualtherapeutischer Versorgungsangebote und zur Etablierung fachgerechter Fortbildungsmöglichkeiten hat die DGfS dazu bewogen,-eine qualifizierte curriculare Fortbildung zum Themenfeld sexuelle Störungenzu etablieren. Die Fortbildung soll dem aktuellen Gegenstandkatalog und den Curriculumsinhalten der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS) entsprechen, Das Curriculum orientiert sich an den neuesten Entwicklungen der wissenschaftlich fundierten Sexualtherapie/Sexualmedizin orientieren, wie u.a. in den Richtlinien der DGfS für Fort- und Weiterbildungsangebote (1997) festgelegt wurde die ihrerseits auf der Plattform der in einem Konsenspapier gegenseitig anerkannten Fortbildungsinhalte der Akademie für Sexualmedizin sowie der Dt. Gesellschaft für Sexualmedizin und Sexualtherapie (DGSMT) beruhen.

1. Struktur und Umfang der Fortbildung

Die sexualtherapeutische Fortbildung ist flexibel, an verschiedenen Orten berufsbegleitend erwerbbar, modularisiert und mit gewissen Freiheitsgraden in der Zusammenstellung der Module und von Teilen von Modulen kombinierbar. Die Fortbildung soll einen qualitätsgeleiteten Mindestumfang haben und soll nach erfolgreichem Abschluss ankündbar sein („Sexualtherapie DGfS“). In der Fortbildung sollen auch Anteile aus Aus- und Weiterbildung anerkennungsfähig sein.
Die Präsenzlehre im Rahmen der Fortbildung hat über weite Strecken exemplarischen Charakter. Die geplante Fortbildung in Sexualtherapie basiert daher auf der Motivation der TeilnehmerInnen und ihrer Bereitschaft, über die Unterrichtsveranstaltungen hinaus, intensive Eigenlektüre zu betreiben.

2. Fortbildungsmerkmale

Sprechen können über Sexualität und sexuelle Probleme ist die Grundvoraussetzung sexualtherapeutischer Arbeit. Das setzt die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit individuellen und gesellschaftlichen Vorurteilen voraus, mit den Dimensionen ängstlich/schamhaften Vermeidens wie auch der Gefahr von Übergriffigkeit. Dies muss störungsspezifisch immer wieder reflektiert werden.

Inhaltlich sind folgende Aspekte von besonderer Bedeutung:

  • Ein biopsychosoziales Verständnis von Sexualität: Sexualität ist eine biologisch, psychologisch und kulturell-gesellschaftlich determinierte Erlebnisdimension des Menschen und in ihrer individuellen Ausgestaltung von biologischen Faktoren, der lebensgeschichtlichen Entwicklung und gesellschaftlichen Faktoren abhängig. Entsprechend muss sich die Vermittlung theoretischer Kenntnisse auf die Dynamik zwischen körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren beziehen. Lernziele betreffen dann ebenso die körperliche wie die psychosexuelle Ebene und den Umgang mit soziokulturellen Einflüssen (z. B. in Bezug auf die Geschlechtsrollensozialisation, sexuelle Tabus, sexuelle Vielfalt etc. )
  • Die Beziehungsdimension: Sexualität ist ein Erlebnisbereich, in dem Menschen im Sinne ihrer von Geburt an bestehenden Grundbedürfnisse nach Akzeptanz, Nähe, Sicherheit und Geborgenheit, besonders intensiv und intim mit anderen Menschen in Beziehung treten können, wobei dann weitere/komlementäre Grundbedürfnisse ins Spiel kommen, nämlich die nach Autonomie und Abgrenzung. Dadurch hat die beziehungsorientierte Dimension der Sexualität eine zentrale Bedeutung und daher kommt bei der Behandlung sexueller Störungen der Paardimension eine besondere Bedeutung zu. Gerade bei sexuellen Funktionsstörungen, die im Rahmen einer bestehenden Partnerschaft leidvoll erfahren werden, ist es häufig indiziert, das Paar zu behandeln und nicht nur den/die sogenannte/n SymptomträgerIn was wiederum spezielle Fertigkeiten der TherapeutenInnen, etwa in der Gesprächsführung oder im systemischen Verstehen erforderlich macht.

Formal besteht die sexualtherapeutische Fortbildung aus einem theoretischen und einem praktischen Teil, der sich zusammensetzt aus themenzentrierter Selbsterfahrung und supervidierter sexualtherapeutischer Tätigkeit (Erstgespräche/ Anamneseerhebung, Sexualberatung, Sexualtherapie).

3. Eingangsvoraussetzung

Die Teilnahme an der Fortbildung setzt eine abgeschlossene psychotherapeutische Ausbildung oder äquivalente Qualifikation voraus.

4. Umfang

Die Fortbildung erstreckt sich über 200 Stunden, davon 110 Stunden Theorie, 60 Stunden Supervision der praktischen Tätigkeit und 30 Stunden themenzentrierte Selbsterfahrung. Die Fortbildung erfolgt i.d.R. über einen Zeitraum von ca. 2 Jahren berufsbegleitend.

5. Ziele der Fortbildung

Ziel ist die Qualifikation Psychologischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in der Behandlung sexueller Funktions- und Luststörungen, von Perversionen/Paraphilien einschliesslich Sexualdelinquenz, von sexueller Traumatisierung, von Sexualstörungen bei chronischen Erkrankungen (z.B. AIDS, Diabetes) und der psychotherapeutischen Behandlung und Begleitung von Personen mit gestörter Geschlechtsidentität.

Dabei sollen vor allem Fertigkeiten in folgenden Bereichen vermittelt werden.

  • Wahrnehmen und Erkennen sexueller Probleme und Konflikte
  • Sprechen können über Sexualität und sexuelle Probleme
  • Diagnostische Kompetenz
  • Differentielle Indikationsstellung (z.B. im Hinblick auf die verschiedenen Settings), Vermittlungs- und Überweisungskompetenz
  • Beratungskompetenz
  • Psychotherapeutische Kompetenz im Hinblick auf die Behandlung sexueller Störungen.

Begutachtung von Transsexuellen nach dem Transsexuellengesetz und von Sexualstraftätern ist nicht Gegenstand der Fortbildung, kann aber durch vertiefende Module zusätzlich erarbeitet werden.

6. Lehrende

Lehrende in der curricularen Fortbildung sollen den Abschluss erworben haben, zu dem sie fortbilden und über eine mindestens 5-jährige Praxis in der Behandlung sexueller Störungen verfügen und von einer der genannten Fachgesellschaften akkreditiert sein. Darüber hinaus können externe ExpertInnen für bestimmte Themenfelder wie empirische Sexualforschung, Endokrinologie etc. in die Lehre einbezogen werden.

7. Inhalte und Komponenten der Fortbildung

7.1. Theoretischer Teil

7.1.1 Grundlagen

  • Gesellschaftliche und kulturelle Grundlagen der Sexualität und der Geschlechterverhältnisse, Ergebnisse empirischer Sexualforschung
  • Anatomische, physiologische und endokrinologische Grundlagen
  • Entwicklungspsychologische Grundlagen
  • Vielfalt sexueller Lebenswelten
  • Sexuologische Handlungsfelder
  • Entwicklung eines Verständniskonzeptes für das sexuelle Geschehen und die sexuelle Symptomatik aus der Perspektive verschiedener theoretischer Erklärungsmodelle (psychodynamisch, lerntheoretisch, systemisch),sowohl im Hinblick auf die/den Einzelne/n wie auch auf das Paar

Dabei sollten durchgängig Genderaspekte reflektiert werden.

7.1.2 Klinische Aspekte: Symptomatologie, Ätiologie, Dynamik, Klassifikation

  • Probleme hetero- und homosexueller/lesbischer Entwicklungen Partnerkonflikte
  • Sexuelle Funktions- und Luststörungen
  • Perversionen/Paraphilien
  • Sexuelle Gewalt, Sexualdelinquenz
  • Transsexualität, Störungen der Geschlechtsidentität, sowie Intersexualität
  • Sexuelle Störungen bei chronischen Erkrankungen, nach chirurgischen Eingriffen, im Zusammenhang mit/als Folge von medikamentöser Behandlung
  • Sexuelle Traumatisierungen
  • Andere Konflikte im Zusammenhang mit Sexualität (z. B. Schwangerschaftskonflikte, ambivalenter Kinderwunsch, sexuelle Vorlieben der Partnerin/des Partners)

7.1.3 Methoden und Verfahren

  • Gesprächsführungsstrategien bei sexuellen Störungen, Problemanalyse, Wahrnehmung von Übertragung und Gegenübertragung
  • Anamneseerhebung und Diagnostik
  • Grundlagen und Praxis der Sexualberatung
  • Psychosoziale und sexuelle Probleme bei HIV-Infektion und AIDS
  • Psychotherapie:
    • Anwendung vorhandener psychotherapeutischer Kompetenz auch auf die Behandlung sexueller Störungen
    • Informationen über spezifische sexualtherapeutische Angebote bei SFS (Masters/Johnson, Hamburger-Modell Paartherapie, Systemische Sexualtherapie) und bei Präferenzstörungen (integrative Gruppentherapie bei pädosexueller Symptomatik (Hamburger-Modell),
    • Lernziel: Indikations- und Überweisungskompetenz
  • Somatische Behandlungsoptionen

7.1.4 Rechtliche und ethische Fragen im Zusammenhang mit Sexualität

  • Kenntnisse des Sexualstrafrechts und der besonderen Probleme bei ambulanter und institutioneller Behandlung von Sexualstraftätern
  • Kenntnisse des Transsexuellengesetzes
  • Ethische Fragen

7.2. Praktischer Teil

7.2.1 Themenzentrierte Selbsterfahrung

  • Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischer Sexualität
  • Auseinandersetzung mit sexueller Vielfalt und sexuellen Tabus
  • Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt und sexueller Traumatisierung
  • Auseinandersetzung mit Übertragung und Gegenübertragung unter besonderer Berücksichtigung von Erotisierung und Sexualisierung

7.2.2 Entwicklung von Kompetenzen

  • Beziehungsaufbau, Beziehungsdynamik und Beziehungsgestaltung
  • Gesprächsführung bei Diagnostik und Beratung
  • Differenzierte Verhaltensanalyse vor allem im Hinblick auf die sexuelle Symptomatik
  • Psychodynamisches Interview bzw. Erarbeitung von Problemanalysen
  • Spezielle therapeutische Interventionen und Verfahren
  • Umgang mit schwierigen Therapiesituationen und Krisen

7.2.3 Sexualtherapeutische Tätigkeit unter Supervision (60 Stunden)

  • Erstgespräche, Interventionen
  • Beratungen aus dem eigenen Praxisfeld
  • Psychotherapien aus dem eigenen Praxisfeld

Anerkennung , Abschluss und Zertifizierung

  • Regelmäßige Teilnahme an den theoretischen und praktischen Seminaren (max. 10% Fehlzeiten)
  • 10 supervidierte und dokumentierte Erstgespräche und/oder Sexualanamnesen/Sexualexplorationen und/oder Beratungsgespräche (Einzel- oder Paargespräche) – entweder als Einzel- oder als Gruppensupervision.
  • 40 dokumentierte sexualtherapeutische Behandlungssitzungen (mindestens 2 Behandlungsfälle), die in einem Verhältnis von 4 zu 1 supervidiert wurden.
  • Themenzentrierte Selbsterfahrung im Umfang von 30 Stunden

Nach erfolgreicher Absolvierung erhalten die TeilnehmerInnen ein Zertifikat Sexualtherapie (DGfS)


Stand: 18.08.2010, Der Fort- und Weiterbildungsausschuss der DGfS