Zeitschrift fur Sexualforschung

Heft 1/2020 der Zeitschrift für Sexualforschung

Heft 1/2020 der Zeitschrift für Sexualforschung

Ende März 2020 ist Heft 1/2020 der Zeitschrift für Sexualforschung erschienen. Das Heft und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

  • Jonathan Czollek & Christoph Muck: Prävention sexualisierter Gewalt – Evaluation eines universitären Seminars für angehende Lehrkräfte

    Zusammenfassung:

    Einleitung: Angesichts hoher Prävalenzen und schwerwiegender Konsequenzen von sexualisierter Gewalt sind evidenzbasierte Präventionsansätze notwendig. Eine Variante stellen hierbei universitäre Seminare für angehende Lehrkräfte dar, da diese als potentielle Multiplikator_innen verschiedene präventive Schutzfunktionen einnehmen können. Forschungsziele: Da empirische Wirksamkeitsbelege hier jedoch weitgehend fehlen, war das Ziel dieser Studie die Evaluation eines universitären Seminares zur Prävention sexualisierter Gewalt. Dazu wurden aus der Bystander- und der Selbstwirksamkeitsforschung verschiedene Wirksamkeitskriterien abgeleitet: Vorurteile, Rollenambiguität, Selbstwirksamkeitserwartung, Klarheit der Grenzeinschätzung und sorgenvolle Emotionen. Methoden: Im Rahmen eines quasi-experimentellen Designs wurden einer Interventionsgruppe, die am Seminar teilnahm (N = 22; MAlter = 22.5, SD = 3.14), und einer Kontrollgruppe (N = 17; MAlter = 24.29, SD = 2.37) Fragebögen vorgelegt. Ergebnisse: Die Interventionsgruppe zeigte nach der Teilnahme signifikant weniger Vorurteile (d = -.74) und höhere Selbstwirksamkeitserwartung (d = .89). Es fanden sich Hinweise darauf, dass das Seminar die Rollenambiguität senkt (η2 = .57) und die Klarheit der Grenzeinschätzung steigert (d = 1.07). In Bezug auf die sorgenvollen Emotionen wurden keine Effekte gefunden.

  • Sabrina Eberhaut, Peer Briken & Reinhard Eher: Die Bedeutung kognitiver Verzerrungen für die Diagnose einer pädosexuellen Präferenzstörung bei inhaftierten Tätern mit Sexualdelikten in Österreich

    Zusammenfassung:

    Einleitung: Unter kindesmissbrauchsspezifischen kognitiv verzerrten Sichtweisen versteht man pathologische Wahrnehmungsverzerrungen, die es einem Täter ermöglichen, sexuelle Übergriffe auf Kinder zu bahnen und nach den Tathandlungen zu rechtfertigen. Zu diesen Verzerrungen zählen unter anderem die Annahmen, dass Kinder Sex mit Erwachsenen wünschen oder dass sexuelle Handlungen von Erwachsenen an Kindern diesen keinen Schaden zufügen. Forschungsziele: Zusammenhänge zwischen solchen Verzerrungen und dem Störungsbild einer Pädophilie wurden untersucht. Insbesondere verfolgten wir dabei die Hypothese, dass kognitive Verzerrungen Ausdruck eines klinischen Störungsbildes sind und nicht lediglich mit dem Umstand einhergehen, ein Kind sexuell zu missbrauchen. Methoden: Dafür wurde ein Fragebogen entwickelt, der N = 632 Tätern (davon N = 462 an Kindern) vorgelegt wurde, die in Österreich ein Sexualdelikt begangen hatten und deshalb eine Haftstrafe verbüßten. Die Täter wurden jeweils einer von insgesamt vier Gruppen zugeordnet (Sexualstraftäter mit erwachsenen Opfern, Kindesmissbrauchstäter ohne Diagnose einer Pädophilie, Kindesmissbrauchstäter mit nicht-ausschließlicher Pädophilie, Kindesmissbrauchstäter mit ausschließlicher Pädophilie). Die Ergebnisse wurden einer Faktorenanalyse unterzogen, die einzelnen Faktoren und der Gesamtwert auf Unterschiede zwischen den Tätergruppen überprüft. Ergebnisse: Die vorliegenden Daten legen den Schluss nahe, dass nicht der Umstand allein, ein Kind sexuell zu missbrauchen, mit solchen Verzerrungen einhergeht, sondern vielmehr die Diagnose einer pädophilen Störung. Insbesondere Personen mit der Diagnose einer ausschließlichen pädophilen Störung gaben derartige Kindesmissbrauchsmythen an. Vor allem Glaubenssätze, die aus psychodynamischer Sicht als Spaltung, Projektion und projektive Identifizierung der eigenen Devianz auf Kinder verstanden werden können, waren bei gegebener Diagnose einer exklusiven pädophilen Störung am stärksten ausgeprägt. Schlussfolgerung: Wahrnehmungsverzerrungen können als Abwehrmechanismen einer pädophilen Störung verstanden werden, die auch zur Untermauerung der Diagnose dienen können.

Debatte

Bericht

Bericht

Nachruf

Schwerpunktheft der Zeitschrift für Sexualforschung: Die neue „Anti-HIV-Pille“ (orale HIV-PrEP) und ihre Folgen

Schwerpunktheft der Zeitschrift für Sexualforschung: Die neue „Anti-HIV-Pille“ (orale HIV-PrEP) und ihre Folgen

Heft 4/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung widmete sich als ein von Nicola Döring herausgegebenes Schwerpunktheft der oralen HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe (kurz: HIV-PrEP). Das komplette Heft finden Sie online unter https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/issue/10.1055/s-009-45324

 

Aus dem Editorial:

Seit September 2019 wird in Deutschland gemäß neuem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) der medikamentöse Schutz vor einer HIV-Infektion von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Technisch gesprochen geht es um die HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe (kurz: HIV-PrEP oder PrEP). Die HIV-PrEP beinhaltet ein antiretrovirales Medikament und ist gedacht für HIV-negative Menschen, die ein substanzielles HIV-Übertragungsrisiko haben. Wenn sie täglich die „Anti-HIV-Pille“ einnehmen, erreichen sie einen klinisch nachgewiesen sehr hohen HIV-Infektionsschutz von bis zu 99 %. Neben der dauerhaften bzw. täglichen Einnahme (Long-term PrEP) ist auch eine anlassbezogene Einnahme möglich (Short-term PrEP, Event-driven PrEP, Episodic PrEP = Epi-PrEP). Die anlassbezogene PrEP kann beispielsweise gezielt für Partys, Festivals oder Reisen eingenommen werden, bei denen riskante Sexkontakte erwartet werden. Wer die verschreibungspflichtige PrEP einnimmt, muss alle drei Monate auf HIV, andere sexuell übertragbare Infektionen (Sexually Transmittal Infections: STI) und die Nierenfunktion untersucht werden. Eine gute medizinische Begleitung gehört zur PrEP also dazu.

Der medikamentöse HIV-Schutz wurde bereits 2012 in den USA zugelassen, Europa folgte 2016. Als Erstes ging das pharmazeutische Unternehmen Gilead mit dem auch in der HIV-Therapie genutzten Kombinationspräparat Truvada (Wirkstoffe: Emtricitabin und Tenofovir-Disoproxil) auf den Markt. Die Medikamentenkosten waren anfangs sehr hoch (ca. 800 Euro für eine Monatsdosis auf Privatrezept). Bis heute steht Gilead für seine Preispolitik bei der PrEP weltweit in der Kritik. Inzwischen sind jedoch deutlich kostengünstigere Generika verfügbar (ab 40 Euro für eine Monatsdosis). Zudem ist, wie eingangs erwähnt, die Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland jetzt prinzipiell gesichert.

Rund 30 Jahre nach Beginn der Aids-Epidemie besteht nun die Hoffnung, mit verstärkten Präventionsbemühungen – einschließlich der PrEP als hochwirksamer, neuer Methode im HIV-Präventionsbaukasten – bis 2030 eine „Welt ohne Aids“ zu schaffen. Gleichzeitig verspricht die PrEP einen deutlichen Zugewinn an sexuellem Wohlbefinden durch wiedergewonnene Angstfreiheit und unbeschwertere Lust. Oder ist diese Sichtweise zu optimistisch? Wie steht es um die – nicht nur medikamentösen – Risiken und Nebenwirkungen der PrEP? Das vorliegende PrEP-Schwerpunktheft der „Zeitschrift für Sexualforschung“ will diesen Fragen nachgehen, den aktuellen Diskussions- und Forschungsstand zur PrEP aufgreifen und weiterentwickeln.

Was ändert sich durch die PrEP?

Die aktuellen Auseinandersetzungen mit der oralen PrEP sind nicht nur mit den seit den 1960er-Jahren geführten Diskussionen um orale Kontrazeptiva für Frauen in Verbindung zu bringen, sondern natürlich vor allem auch mit den seit den 1980er-Jahren geführten kontroversen Debatten zu HIV und Aids. So sind in der „Zeitschrift für Sexualforschung“ in den letzten 30 Jahren rund 30 HIV-/Aids-bezogene Beiträge erschienen. Der früheste stammt von Martin Dannecker (1988) und vertrat die These „Aids ändert alles“, nämlich den gesamten gesellschaftlichen Umgang mit Sexualität, insbesondere mit männlicher Homosexualität, die durch Aids unter ein Diktat der allgegenwärtigen Angst und des Verzichts gestellt werde. Noch im selben Jahr konterte Reimut Reiche (1988) mit der These „Aids ändert nichts“: Grundlegende Triebängste und Triebwünsche rund um Sexualität seien schließlich immer gleich und würden nur anhand aktueller Phänomene – wie der damals angstvoll aufgeheizten Aids-Debatte – jeweils besonders sichtbar. Der Sorge um eine Re-Stigmatisierung mann-männlicher Sexualität widersprach Reiche mit der Feststellung, männliche Homosexualität sei in Wahrheit nie wirklich entstigmatisiert gewesen. Wie grundlegend, nachhaltig, bewusst und unbewusst die sexualmoralischen Änderungen sein werden, welche die noch relativ neue PrEP mit sich bringen wird, dürfen wir uns fragen.

Nicht zu vergessen ist indessen, dass Aids und PrEP insofern immer dann „sehr viel ändern“, wenn sie im Einzelfall tatsächlich Menschenleben bedrohen bzw. schützen. Die WHO zieht aktuell folgende Bilanz: Seit Beginn der Aids-Epidemie haben sich mehr als 70 Millionen Menschen mit HIV infiziert, knapp die Hälfte (35 Millionen Menschen) sind daran gestorben. Heute leben rund 37 Millionen Menschen weltweit mit HIV, davon werden bislang 22 Millionen (59 %) antiretroviral behandelt.

Vor gut zehn Jahre verkündete Martin Dannecker in dieser Zeitschrift den „Abschied von Aids“. Denn medizinisch ist die HIV-Infektion vom sicheren Todesurteil zu einer gut beherrschbaren chronischen Erkrankung mit durchschnittlicher Lebenserwartung geworden. Das gilt zumindest in Ländern mit hohem Wohlstandsniveau und guter medizinischer Versorgung. So schreitet die medizinische Forschung und Entwicklung im Bereich HIV fortwährend voran. Sozialwissenschaftlich ist das Interesse am Thema hierzulande jedoch offenbar deutlich zurückgegangen: Der letzte HIV-/Aids-bezogene Beitrag in dieser Zeitschrift erschien denn auch vor mehr als fünf Jahren. Buchrezensionen griffen das Thema jedoch gelegentlich noch auf. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist von dezidierten Anti-HIV-/Aids-Kampagnen („Gib AIDS keine Chance“) inzwischen umgestiegen auf Kampagnen, die neben HIV auch andere STI adressieren (z. B. Kampagne „Liebesleben“).

Das vorliegende Schwerpunktheft der „Zeitschrift für Sexualforschung“ möchte den Faden der HIV-Debatten wieder aufnehmen, umfassend zum Thema HIV-PrEP informieren und weitere Diskussionen und Forschungsaktivitäten anregen. Da die PrEP die HIV-Prävention momentan stark verändert, verdient sie das Interesse aller in der sexualbezogenen Forschung und Praxis Tätigen. Bislang fehlen für Deutschland empirische Daten zum PrEP-Wissen in der breiten Bevölkerung sowie beim medizinischen und sexualpädagogischen Fachpersonal. Anekdotisch zeigt sich jedoch relativ klar, dass noch große Wissenslücken bestehen. Fragen Sie sich selbst: Wie ist es um Ihre PrEP-Kenntnisse bestellt, und um die Ihrer Kolleg*innen und Freund*innen? Breite PrEP-Aufklärung ist also gefragt. Darüber hinaus ist die teilweise sehr polarisierte PrEP-Debatte ein spannendes Anwendungsfeld, um im fachlichen Diskurs wieder einmal die eigenen Affekte, Vorurteile und Werthaltungen zu prüfen und zu hinterfragen: Was genau bedeuten Sicherheit, Risiko und Verantwortungsbewusstsein beim Sex? Wie sind Kosten und Nutzen sowie unterschiedliche Risiken rational gegeneinander abzuwägen – etwa erhöhte gesundheitliche Risiken gegen den Nutzen sexuellen Vergnügens oder das bei alleiniger PrEP-Einnahme ohne Kondom deutlich geminderte HIV-Risiko gegen das gleichzeitig möglicherweise erhöhte Risiko anderer STI?

Zwei Forschungsbeiträge zur PrEP

Das vorliegende Heft enthält zwei Originalarbeiten, die Ergebnisse empirischer Forschung zur PrEP präsentieren. Der erste Originalbeitrag stammt vom Robert Koch-Institut: Viviane Bremer, Uwe Koppe, Ulrich Marcus und Klaus Jansen von der Abteilung Infektionsepidemiologie liefern einen Forschungsüberblick, welcher der Frage nachgeht, was wir über die Effekte der PrEP zur HIV-Prävention und im Zusammenhang mit der Verbreitung anderer STI bislang wissen. Dazu werden aktuelle Studienergebnisse und epidemiologische Daten aus Deutschland und Nachbarländern herangezogen. In diesem Zusammenhang spielt es eine wichtige Rolle, dass die Verordnung der PrEP mit regelmäßigen HIV- und STI-Tests und sofortiger Behandlung entdeckter Infektionen einhergeht.

Der zweite Originalbeitrag stammt von der Technischen Universität Ilmenau: Nicola Döring, Roberto Walter und Kathrin Knutzen vom Institut für Medien und Kommunikationswissenschaft analysieren, wie die PrEP in deutschsprachigen Medien dargestellt wird. Dazu wurden PrEP-Darstellungen in N = 150 Zeitungsartikeln und auf N = 150 Webseiten inhaltsanalytisch ausgewertet. Darüber hinaus wurden PrEP-Darstellungen in Sozialen Medien (YouTube, Facebook und Twitter) qualitativ erkundet.

Ein Kommentar zur PrEP-Leitlinie

An die Originalarbeiten schließt sich in der Rubrik „Dokumentation“ ein ausführlicher Kommentar der 2018 veröffentlichten Deutsch-Österreichischen S2k-Leitlinie zur HIV-PrEP an. Stefan Nagel, Psychoanalytiker und Chefarzt für Psychosomatik an der MEDIAN Klinik Heiligendamm, würdigt die Leitlinie als hilfreich, weist aber auch auf die Komplexität der Sachverhalte und auf jene Leitlinien-Empfehlungen hin, die keinen Konsens oder nur geringe Konsensstärke erreichten.

Die erste reguläre Überarbeitung der PrEP-Leitlinie wird im Jahr 2021 anstehen. Es wird sich zeigen, auf welche Evidenzlage die Leitliniengruppe bis dahin zugreifen kann. Kontrovers diskutiert wird bereits jetzt das richtige Maß für STI-Tests: Empfahlen die Aidshilfen bislang (mindestens) einmal pro Jahr eine HIV- und STI-Testung, so werden PrEP-Nutzende laut Leitlinie einmal pro Quartal getestet. Nicht nur die Häufigkeit der Tests steigt, auch das Spektrum der getesteten Erreger wird breiter. So wird bereits eine Integration regelmäßiger Testung auf Mycoplasma genitalium in die PrEP-Leitlinie gefordert. Dabei kann ein Zuviel an Testung und Behandlung auch Schaden anrichten, etwa weil dann seltene und schwere Behandlungsnebenwirkungen zunehmen, die in keinem Verhältnis zum erzielten Nutzen stehen. Hier besteht anhaltender Klärungsbedarf.

Fünfstimmige Debatte zu Praxiserfahrungen mit der PrEP

Im dritten Teil des Heftes geht es schließlich um Praxiserfahrungen. In einer mehrstimmigen Debatte wird die PrEP aus fünf verschiedenen Blickwinkeln betrachtet:

  • Perspektive einer PrEP-Nutzerin: Miriam, die anonym bleiben möchte, ist eine der ersten PrEP-Nutzerinnen in Deutschland. Sie führt ein aktives, selbstbestimmtes Sexualleben und greift aus guten Gründen zur PrEP, wie sie im Interview mit Holger Sweers erklärt.
  • Perspektive eines PrEP-Nutzers: Als Milan, der ebenfalls anonym bleiben möchte, mit der PrEP-Einnahme begann, war er als Single in der Schwulenszene unterwegs. Inzwischen lebt er in einer festen Partnerschaft. Warum er trotzdem weiterhin die PrEP einnimmt und wie es ihm damit geht, erzählt er im Interview mit Axel Schock.
  • Perspektive eines ehemaligen PrEP-Nutzers: Steve Spencer war einer der ersten PrEP-Nutzer in Australien und Gründungsmitglied von PAN (PrEP Access Now), einer Non-Profit-Organisation, die sich für niedrigschwelligen Zugang zur PrEP in Australien einsetzt. Trotz PrEP-Einnahme hat er sich 2018 mit HIV infiziert. Denn die PrEP bietet zwar einen sehr hohen, aber eben keinen perfekten Schutz. Wovor er jetzt Angst hat, und warum er sich immer noch für die PrEP stark macht, wird anhand seiner Pressebeiträge von Nicola Döring zusammengefasst.
  • Perspektive eines PrEP-Beraters: Arne Kayser arbeitet als Berater bei der Aidshilfe Bochum am WIR-Zentrum Bochum. Im Szene-Jargon zuweilen liebevoll-ironisch als „PrEP-Mutti von Bochum“ tituliert, hat er bislang knapp 200 PrEP-Nutzende begleitet und eine spezielle PrEP-Sprechstunde – die PrEPstunde – entwickelt, die sich großer Beliebtheit erfreut. Er kennt die vielfältigen Motive zur PrEP-Einnahme, aber auch Fallbeispiele, in denen er von der PrEP abrät.
  • Perspektive eines HIV-Behandlers: Sven Schellberg ist als Arzt in der Novopraxis tätig, einer HIV-Schwerpunktpraxis in Berlin. Er ist immer häufiger mit Patient*innen konfrontiert, die nach der PrEP fragen. Der Nutzen der PrEP ist für ihn unbestritten. Dennoch warnt er vor einer „Medikalisierung schwuler Sexualität“. Und er wünscht sich, dass offene Gespräche über sexuelles Verhalten und sexuelles Wohlbefinden, über HIV- und STI-Prävention nicht nur in HIV-Schwerpunktpraxen, sondern ganz selbstverständlich auch in anderen Arztpraxen stattfinden. Doch das scheint viel zu oft noch ein Tabu zu sein.

PrEP weiterdenken: internationaler, intersektionaler, interaktionistischer und zukunftsorientierter

Bei allem Bemühen um inhaltliche Vielfalt bleiben natürlich immer auch Lücken. Auf vier Limitationen der PrEP-Darstellungen in diesem Heft sei verwiesen:

Das vorliegende Schwerpunktheft ist primär auf die Situation der HIV-PrEP in Deutschland und vergleichbaren Ländern bezogen. Viele Punkte wären ganz anders zu diskutieren, wenn wir Länder in den Blick nehmen, die ein deutlich geringeres Bildungs- und Wohlstandsniveau, weniger Geschlechtergleichberechtigung, schlechteren Schutz vor sexueller Gewalt und dabei gleichzeitig viel höhere HIV-Prävalenzen aufweisen. Dann wäre nämlich z. B. die PrEP-Einnahme für gewaltbedrohte Mädchen und Frauen ein viel größeres Thema. Die PrEP-Debatte ist also internationaler zu denken, als sie im vorliegenden Heft erscheint.

Weiterhin ist die PrEP-Debatte auch diversitätssensibler und intersektionaler zu denken: Vielfach stehen MSM als scheinbar einheitliche Gruppe im Mittelpunkt, dabei wäre diese Gruppe noch weiter zu differenzieren (z. B. nach Alter, kulturellem und religiösem Hintergrund, sexueller Identität). Andere PrEP-Zielgruppen wie Trans*Personen, Sexarbeiter*innen, Inhaftierte und injizierende Drogengebraucher*innen mit ihren jeweiligen Untergruppen werden im vorliegenden Heft nur vereinzelt angesprochen und verlangen eine jeweils viel genauere Betrachtung. Das gilt insbesondere für injizierende Drogengebraucher*innen, bei denen das HIV-Transmissionsrisiko nicht primär sexualbezogen ist und deren Anliegen somit auch jenseits von Fragen des Safer Sex liegen, welche den PrEP-Diskurs hier und anderswo dominieren. Solche Differenzierungen sind wichtig für eine zielgruppengerechte PrEP-Versorgung, die immer auch durch entsprechende gesellschaftliche und institutionelle Bedingungen umfassender HIV-Prävention und Förderung sexueller Gesundheit unterlegt sein muss: Differenzierte Aufklärung, Entstigmatisierung, Empowerment, niedrigschwelliger (u. a. mehrsprachiger, kostenloser) Zugang zu Diagnostik, Beratung und Behandlung. Erste dezidiert diversitätssensible Vorzeige-Projekte wie z. B. Checkpoint BLN (https://checkpoint-bln.de/) existieren bereits.

Aus der HIV-Präventions-Debatte der letzten 30 Jahre haben wir unter anderem gelernt, dass es viel zu kurz greift, Übertragungsrisiken allein an Personenmerkmalen und Gruppenzugehörigkeiten festzumachen. Vielmehr sind die situativen Bedingungen einer sexuellen Begegnung und die Beziehungsdynamiken ausschlaggebend dafür, ob und wie überhaupt miteinander über STI und HIV gesprochen wird, ob und wie und durch wen Kondome, TasP, PrEP oder andere Safer-Sex-Maßnahmen ins Spiel gebracht werden. So mag Gelegenheitssex oftmals sicherer sein als Sex in Langzeitbeziehungen, weil beim Gelegenheitssex ein aktives Risikomanagement eher die Norm ist. Demgegenüber wirkt aktives Risikomanagement in Liebeskontexten oftmals so unromantisch und bedrohlich (weil sexuelle Vor- und Außenkontakte zum Thema werden), dass reale Risiken eher verdrängt werden. Der Umgang mit PrEP ist also auch deutlich situationsspezifischer und interaktionistischer zu denken, als es hier dargestellt wird. Das betrifft die Langzeiteinnahme sowie die anlassbezogene Anwendung der PrEP in risikoreichen Situationen und Lebensphasen, den sogenannten Seasons of Risk. Über die Voraussetzungen und Merkmale guter PrEP-Kommunikation mit medizinischem Fachpersonal sowie mit Sex- und Beziehungspartner*innen wissen wir noch zu wenig.

Weitgehend vernachlässigt werden im vorliegenden Heft zudem zukünftige Entwicklungen: Die orale HIV-PrEP mag nur die Vorbotin sein: Gleitgels, Klistiere, Vaginalringe, Dreimonatsspritzen, Implantate usw. zur PrEP werden bereits erprobt und könnten in näherer Zukunft zugelassen werden. Zukunftsbezogen muss man sich auch fragen, wie PrEP-Aufklärung und PrEP-Versorgung zu verbessern sind: Sollte die PrEP in ihren verschiedenen Varianten nicht in Zukunft selbstverständlicher Bestandteil der Sexualaufklärung für alle sein?

Es bleibt also viel Bedarf an weiterer Forschung. Deswegen laden wir Sie herzlich ein, PrEP-bezogene Originalarbeiten, Kommentare und Praxisbeiträge für die kommenden Ausgaben der „Zeitschrift für Sexualforschung“ einzureichen. Zunächst aber hoffen wir, Ihnen mit dem vorliegenden Schwerpunktheft zur HIV-PrEP inspirierenden Lesegenuss zu bieten.

Nicola Döring (Ilmenau)

Beitragsbild: National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) via Flickr
Heft 3/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung

Heft 3/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung

Ende September 2019 ist Heft 3/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung erschienen. Das Heft und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Bei dem Heft handelt es sich um ein Debatten-Schwerpunktheft zur Frage „Wer oder was bestimmt das Geschlecht?“. Aus dem Editorial von Peer Briken:

„Das Thema Geschlecht beschäftigt uns in der Sexualforschung und in der Sexualmedizin auf vielfältige Weisen: In der Sex-Survey-Forschung gab es lange Zeit nur zwei Geschlechter: männlich und weiblich – wie in fast allen großen Bevölkerungsstichproben. Aber im Jahr 2019 können wir geschlechtliche Minderheiten in der Sex-Survey-Forschung nicht mehr einfach diskriminieren – indem wir sie unsichtbar machen – und wollen andere Wege für die Erfassung der geschlechtlichen Vielfalt gehen. In der Patient_innenversorgung sind trans Personen inzwischen eine große Gruppe, die in unterschiedlichen Kontexten beraten wird oder medizinische bzw. psychotherapeutische Unterstützung erhält. Hier entwickeln sich neue Standards (vor Kurzem wurden neue Leitlinien veröffentlicht), neue Wege der Versorgung (z. B. in Form von internetbasierter Gesundheitsversorgung), es werden aber auch viele schwierige Kontroversen ausgetragen, wie bspw. die Frage nach pubertätsunterdrückenden Hormonbehandlungen bei Jugendlichen. Angesichts der Einführung einer weiteren positiven Geschlechtskategorie im deutschen Recht im Dezember 2018 und den gesellschaftlichen Kontroversen zu Varianten der Geschlechtsentwicklung bzw. Intergeschlechtlichkeit können sich auch diejenigen Institutionen, die auf der Norm der Zweigeschlechtlichkeit bestehen wollen, nicht mehr einfach aus der Debatte zurückziehen. Daher haben wir beschlossen, das Thema in der „Zeitschrift für Sexualforschung“ aufzugreifen und ihm ein eigenes Schwerpunktheft zu widmen.

Geboren wurde die Idee im Zug: Vor einiger Zeit fuhr ich mit Jorge Ponseti und Aglaja Stirn mehrere Stunden gemeinsam von einem Forschungstreffen nach Hause. Zunächst sprachen wir über die Behandlung von Transgender-Jugendlichen – vor allem über die genannte Kontroverse um pubertätsunterdrückende Hormonbehandlungen –, bis wir auf das breite Thema Geschlecht kamen. Jorge Ponseti entwickelte dabei seine Gedanken und es zeigten sich sofort sehr unterschiedliche Standpunkte, die in eine interessante Diskussion zwischen uns dreien mündeten. Dies veranlasste mich, Ponseti und Stirn zu bitten, ihre Position schriftlich auszuarbeiten und als Aufschlag für eine breit geführte Debatte in der „Zeitschrift für Sexualforschung“ zur Verfügung zu stellen. Beide entwarfen einen umfangreichen Text und erklärten sich freundlicherweise einverstanden, dass wir diesen durch ausgewählte Kolleg_innen kommentieren lassen.

So können wir in diesem Heft nun eine spannende und hochkontroverse Debatte führen.“

Inhalt:

Debatte

  • Jorge Ponseti & Aglaja Stirn: Wie viele Geschlechter gibt es und kann man sie wechseln?

    Zusammenfassung:

    Die Aufteilung des Menschen in zwei Geschlechter wurde in jüngerer Vergangenheit kritisiert, da es keine genaue Grenze zwischen beiden Geschlechtern gebe und weil die Vorstellung von der Existenz zweier Geschlechter selbst das Ergebnis eines sozialen Konstruktionsprozesses sei. Daher sei Geschlecht etwas, was eine Person nur für sich bestimmen könne, folglich Transsexualität/Geschlechtsdysphorie keine psychische Störung und die Ansprüche der Betroffenen nach selbstbestimmter Wahl geschlechtsangleichender Maßnahmen legitim. In der vorliegenden Arbeit wird die klassische Auffassung der Zweigeschlechtlichkeit durch die Fortpflanzungsfunktion begründet. Die Unterschiedlichkeit von Samen- und Eizelle (Anisogamie) hat weitreichende Konsequenzen für die Lebenswirklichkeit des Menschen und begründet geschlechtstypische Verhaltensneigungen und Geschlechtsrollen. Der aktuelle Begriff Geschlechtsidentität wird kritisiert und einem anderen Identitätskonzept, das therapeutische Anknüpfungspunkte bietet, gegenübergestellt. Ferner wird erläutert, wie sich die Kritik am klassischen Geschlechtsbegriff nachteilig für die Sexualwissenschaft sowie auch für die Therapie geschlechtsdysphorischer Menschen auswirkt. Die Annahme, dass eine Psychotherapie der Geschlechtsdysphorie unethisch ist, wird diskutiert und den Ergebnissen neuerer Katamnesestudien gegenübergestellt. Unter Berücksichtigung neurowissenschaftlicher Studien werden Vorschläge für eine neue psychotherapeutische Strategie gemacht.

  • Robin Bauer: Biologie als Schicksal? Kommentar zu „Wie viele Geschlechter gibt es und kann man sie wechseln?“ aus wissenschafts- und gesellschaftstheoretischer Perspektive

    Zusammenfassung:

    Der Kommentar analysiert im ersten Teil das Wissenschaftsverständnis, das dem Beitrag von Ponseti und Stirn zugrunde liegt. Es wird entgegen dem Paradigma einer wertneutralen Wissenschaft argumentiert, dass die Erzeugung wissenschaftlichen Wissens im sozio-historischen und politischen Kontext gesehen werden muss, und dargelegt, inwiefern der Beitrag von Ponseti und Stirn auch eine politische Intervention darstellt. Der dem Artikel inhärente biologische Determinismus wird problematisiert. Im zweiten Teil wird argumentiert, dass Trans*Identitäten nur im gesellschaftlichen Kontext zu verstehen sind, vor allem in Bezug auf die wirkmächtige Norm der Zweigeschlechtlichkeit sowie die institutionellen Rahmenbedingungen eines Transitionsprozesses. Die Vielfalt der Strategien von Trans*Personen im Umgang mit ihren nicht normkonformen Selbstbildern wird Ponseti und Stirns Engführung aus der Begutachtungspraxis entgegengestellt.

  • Heinz-Jürgen Voß: Kommentar zu „Wie viele Geschlechter gibt es und kann man sie wechseln?“ aus biologischer Perspektive

    Zusammenfassung:

    Als promovierter Biologe gibt der Autor von „Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“ (2010) einen Überblick über die biologische Forschung zu Geschlecht. Unhinterfragte Zweigeschlechtlichkeit wird als Gender-Ideologie dargelegt, indem eine differenzierte biologische Sichtweise auf Geschlecht aufgezeigt wird. Auch wird argumentiert, dass die Fortpflanzungsfähigkeit des Genitaltrakts nicht lebensnotwendig ist, sodass Varianz hier ebenso möglich ist wie bei sexuellen Lebensweisen.

  • Paula-Irene Villa: Geschlecht: Die Magie der Anisogamie. Ein Kommentar zu Ponseti und Stirn

    Zusammenfassung:

    Der Beitrag setzt sich mit den Argumenten und Studien auseinander, die Ponseti und Stirn aufbringen. Ihnen wird ein biologischer Reduktionismus bescheinigt, der paradoxerweise das Unbehagen an der identitäts-subjektiven Engführung von Geschlecht durch eine spiegelbildliche Engführung von Geschlecht auf Anisogamie wiederholt. Als bessere Alternative wird ein biosoziales Verständnis von Geschlecht skizziert, das der empirischen Komplexität von Geschlechtlichkeit sowie dessen (Un-)verfügbarkeit besser gerecht wird.

  • Bernhard Strauß und Timo O. Nieder: Schwierigkeiten bei der Interpretation von Längsschnittstudien bei Menschen mit Geschlechtsinkongruenz oder Geschlechtsdysphorie: Ein Kommentar zu Ponseti und Stirn (2019)

    Zusammenfassung:

    Der Kommentar nimmt Bezug auf die von Ponseti und Stirn formulierte Kritik an der S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung bei Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit. Dabei problematisieren wir zunächst die begriffliche Gleichsetzung von Transsexualismus auf der einen mit Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie auf der anderen Seite. Im Anschluss diskutieren wir die unzulässigen Schlüsse, die Ponseti und Stirn aus den Befunden einzelner Katamnesestudien ziehen und argumentieren, dass die genannten Befunde keine Rückschlüsse auf die Wirksamkeit der Behandlung des Transsexualismus zulassen, sondern ausschließlich die Gesundheit von trans Personen nach multimodaler geschlechtsangleichender Behandlung beschreiben. Schließlich stellen wir die Überlegungen infrage, die die Autor_innen zur Psychotherapie des Transsexualismus in ihrem Beitrag äußern.

Heft 2/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung

Heft 2/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung

Ende Juni 2019 ist Heft 2/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung erschienen. Das Heft und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

  • Timo O. Nieder und Bernhard Strauß: S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung im Kontext von Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit

    Zusammenfassung:

    Einleitung: Am 9. Oktober 2018 wurde die Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: Diagnostik, Beratung und Behandlung“ nach methodischer Prüfung von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) mit S3-Status in das Leitlinienregister aufgenommen und online veröffentlicht. Forschungsziele: Die Leitlinie verfolgt das Ziel, die „Standards zur Begutachtung und Behandlung von Transsexuellen“ aus dem Jahr 1997 an die gegenwärtigen Bedingungen und Forschungsergebnisse anzupassen und sie für eine adäquate Versorgung in Deutschland nutzbar zu machen. Methoden: Die Behandlungsempfehlungen der Leitlinie basieren auf empirischer Evidenz, die systematisch recherchiert und bewertet wurde. Die für den Kreis der Adressat_innen repräsentative Leitliniengruppe hat gemeinsam mit einer Interessensvertretung von trans Menschen im Zuge einer strukturierten Konsensfindung 100 Empfehlungen konsentiert. Ergebnisse: Die Leitlinie soll das Feld der Trans-Gesundheitsversorgung individualisieren und damit auch deregulieren. Optionen für eine zielführende Behandlung der Geschlechtsinkongruenz und/oder Geschlechtsdysphorie werden aufgezeigt. Anschließend wird ein empirisch und klinisch fundiertes Vorgehen empfohlen, das auf individuelle Bedingungen bei der Behandlung bedarfsgerecht eingehen kann. Schlussfolgerung: Die Leitlinie reflektiert aktuelle internationale Standards der Trans-Gesundheitsversorgung auf Basis empirischer Evidenz und bezieht sie auf das deutsche Gesundheitssystem. Ihre Anwendung sollte mit klinisch-therapeutischer Expertise abgesichert werden.

  • Lena Hauck, Hertha Richter-Appelt und Katinka Schweizer: Zum Problem der Häufigkeitsbestimmung von Intergeschlechtlichkeit und Varianten der Geschlechtsentwicklung: Eine Übersichtsarbeit

    Zusammenfassung:

    Einleitung: Körperliche Geschlechtsentwicklungen, die auf chromosomaler, gonadaler und/oder anatomischer Ebene untypisch verlaufen, werden als Intergeschlechtlichkeit, Varianten der Geschlechtsentwicklung, Intersex, Intersexualität, Variationen der körpergeschlechtlichen Merkmale und Störungen der Geschlechtsentwicklung bezeichnet. Sie sind alternative Oberbegriffe für eine Reihe verschiedener Besonderheiten der somatosexuellen Entwicklung, für die in der Literatur unterschiedliche Angaben über deren Häufigkeiten kursieren. Forschungsziele: Der Beitrag präsentiert eine Übersicht über aktuelle Angaben zur Häufigkeit und identifiziert Faktoren, welche die Festlegung einer Zahl zur Inzidenz bzw. Prävalenz von Varianten der Geschlechtsentwicklung erschweren. Methoden: Es wurde eine Literaturrecherche in den Datenbanken Medline, Web of Science und PsycINFO durchgeführt. Dabei wurden englisch- und deutschsprachige Studien von 2000 bis 2017 erfasst, die sich mit der Inzidenz von Varianten der körpergeschlechtlichen Entwicklung beschäftigen. Aus den Ergebnissen wurden relevante Treffer ausgewählt, anhand derer aktuelle Zahlen zur Häufigkeit, unterschiedliche Methoden der Häufigkeitserhebung sowie Probleme bei der Ermittlung der Zahlen herausgearbeitet wurden. Ergebnisse: Die analysierten Studien geben Zahlen zwischen 0.018 % und 2.1 % bzw. 3.8 % aller Geburten als Gesamthäufigkeit von Varianten der Geschlechtsentwicklung bzw. des urogenitalen Systems an. Diese hängen stark von der Definition und den eingeschlossenen Formen ab. Die Seltenheit einiger Formen und die kritikwürdigen Untersuchungsmethoden erschweren die Erhebung belastbarer Ergebnisse. Schlussfolgerung: In der Forschung zur Intergeschlechtlichkeit sollte eine transparente, respektvolle und präzise Sprache als Grundlage für einen konstruktiven Diskurs über geschlechtliche Vielfalt eingesetzt werden, auch um Kooperationsprojekte zu stärken. Die angenommene Dunkelziffer der nicht erfassten oder diagnostizierten Fälle sollte nicht unterschätzt werden.

  • Claudia Depauli und Wolfgang Plaute: Sexualpädagogik in der Sekundarstufe I in Österreich

    Zusammenfassung:

    Einleitung: Das WHO-Regionalbüro für Europa und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) haben 2010 Standards für Sexualerziehung in Europa veröffentlicht, um einen Überblick über die Themen der Sexualerziehung zu geben, die in der Schule angepasst an verschiedene Altersstufen behandelt werden sollten. Sie sollen gewährleisten, dass Sexualkundeunterricht in Europa entwicklungsangemessen und von einheitlich guter Qualität ist. Forschungsziele: Österreichische Eltern bzw. Erziehungsberechtigte und Schüler*innen wurden nach der Bedeutung der von den WHO-Standards abgedeckten Themen befragt sowie nach Aspekten, die sie sich für eine erfolgreiche Sexualerziehung wünschen. Methoden: Es wurden standardisierte Online-Fragebögen entwickelt, die durch die Direktor*innen der Schulen den Eltern und Schüler*innen zugänglich gemacht wurden. Es wurden insgesamt 9 196 Teilnehmende befragt, davon in der hier dargestellten Altersgruppe der 13- bis 15-jährigen Schüler*innen 2 204 Personen. Es handelte sich um 1 571 Jugendliche (weiblich: 742, männlich: 820), und 633 Eltern (weiblich: 523, männlich: 110). Die Teilnehmer*innen bewerteten die Wichtigkeit der Themen anhand von 5-stufigen Likert Skalen. Ergebnisse: Die Eltern der 13- bis 15-jährigen Schüler*innen beurteilen sexualpädagogische Inhalte insgesamt als wichtig, wobei für Mütter die Relevanz höher ist als für Väter. Eltern wünschen sich gut ausgebildete Lehrkräfte. Besonders wichtig sind ihnen Informationen zu biologischen Grundlagen und Hygiene sowie die Rechte und der Schutz der Kinder und Jugendlichen. Am Beispiel Homosexualität zeigt sich, dass es auch Inhalte gibt, deren Behandlung besonders für Väter nur wenig Wichtigkeit besitzen. Schlussfolgerung: Zeitgemäße Sexualpädagogik muss sich einer Vielzahl neuer Herausforderungen stellen und entwicklungsangepasst ab der frühen Kindheit zum Wohl der Kinder und Jugendlichen evidenzbasiert Informationen bereitstellen.

Praxisbeitrag

Heft 1/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung

Heft 1/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung

Ende März 2019 ist Heft 1/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung erschienen. Das Heft und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

  • Marie Louise Stübler & Inga Becker-Hebly: Sexuelle Erfahrungen und sexuelle Orientierung von Transgender-Jugendlichen

    Zusammenfassung:

    Einleitung: Eine körpermedizinische Behandlung bei erwachsenen Transgender-Personen steht mit positiven Ergebnissen bezüglich der sexuellen Zufriedenheit in Zusammenhang sowie im Jugendalter mit einem verbesserten psychosozialen Wohlbefinden. Dennoch gibt es bisher nur eine Studie, die die sexuellen und romantischen Erfahrungen von Transgender-Jugendlichen vor Beginn einer solchen Behandlung untersucht hat. Forschungsziele: Ziel war es, das Sexualverhalten von unbehandelten Transgender-Jugendlichen, die in der Hamburger Spezialsprechstunde die Diagnose Geschlechtsdysphorie erhalten hatten, zu untersuchen. Methoden: Es wurden die Häufigkeitsangaben zu sexuellen Erfahrungen aus den Fragebogen-Sets von n = 126 unbehandelten Transgender-Jugendlichen im Alter von 15.6 Jahren deskriptiv ausgewertet. Dabei wurde zudem nach Geschlecht und Altersgruppen unterschieden sowie nach dem Ausmaß der sozialen Transition. Ergebnisse: Während die Mehrzahl der befragten Jugendlichen schon einmal verliebt (85 %) bzw. in einer festen Partnerschaft (65 %) war und etwa die Hälfte der Befragten sexuelle Fantasien und Masturbation berichtete, waren sie in den körperlich-sexuellen und Partner*innen-assoziierten Erfahrungsbereichen weniger erfahren. Weniger als die Hälfte (44 %) berichtete von intimen sexuellen Erfahrungen mit anderen Jugendlichen oder Geschlechtsverkehr (knapp 14 %). Ältere Jugendliche (15–18 Jahre) und jene, die bereits eine soziale Transition vollzogen hatten, machten vergleichsweise mehr sexuelle Erfahrungen als jüngere Jugendliche (11–14 Jahre) oder jene, die überwiegend in der Rolle des Zuweisungsgeschlechts lebten. Schlussfolgerung: Die befragten Transgender-Jugendlichen machten nicht die sexuell-körperlichen Partner*innen-assoziierten Erfahrungen, die andere Jugendliche im gleichen Alter machen. Dieser Befund verweist auf die mögliche Bedeutung einer Transition im Jugendalter für die psychosexuelle Entwicklung. Ebenso verweist er auf die Bedeutung des Schutzraums einer psychosozialen Beratung oder Therapie für Transgender-Jugendliche, um sexualitätsbezogene Themen bei Bedarf besprechen zu können.

  • Ute Lampalzer, Pia Behrendt, Arne Dekker, Peer Briken & Timo O. Nieder: Was benötigen LSBTI-Menschen angesichts ihrer Sexual- und Geschlechtsbiografien für eine bessere Gesundheitsversorgung?

    Zusammenfassung:

    Einleitung: Studien deuten darauf hin, dass LSBTI-Menschen im Gesundheitssystem häufig mit Herausforderungen und Benachteiligungen konfrontiert sind, die eng mit ihren Sexual- und Geschlechtsbiografien verbunden sind. Für eine deutsche Großstadt liegt hierzu noch keine zielgruppenübergreifende Untersuchung vor. Forschungsziele: Ziel der Studie ist die Beantwortung der Frage, was behandelnde und beratende Fachkräfte über die Sexual- und Geschlechtsbiografien von LSBTI-Menschen wissen sollten und wie sie in ihrer jeweiligen Praxis mit LSBTI-Menschen umgehen sollten, um im Stadtstaat Hamburg eine bessere Gesundheitsversorgung gewährleisten zu können. Methoden: Es wurden fünf Expert_inneninterviews mit LSBTI-Menschen und drei Fokusgruppen durchgeführt und mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet. Ergebnisse: Die Ergebnisse zeigen, dass es von zentraler Bedeutung ist, dass Fachkräfte im Gesundheitswesen eigene Annahmen und Vorurteile gegenüber LSBTI-Menschen ehrlich hinterfragen. Außerdem sollten sie insbesondere mit Herausforderungen des Coming-outs vertraut sein, diverse Lebens- und Beziehungsmodelle mitdenken, unterschiedliche Phasen der sexuellen und geschlechtlichen Entwicklung sowie Einflüsse darauf kennen, sexuelles Verhalten und sexuelle Identität unterscheiden – und all dies bei der Behandlung bzw. Beratung bedarfsgerecht berücksichtigen. Schlussfolgerung: Für eine bessere Gesundheitsversorgung sollten Fachkräfte für die allgemeinen und individuellen Herausforderungen in den Sexual- und Geschlechtsbiografien von LSBTI-Menschen sensibilisiert sein und relevante Themen direkt ansprechen.

Dokumentation

Heft 4/2018 der Zeitschrift für Sexualforschung

Heft 4/2018 der Zeitschrift für Sexualforschung

Ende Dezember 2018 ist Heft 4/2018 der Zeitschrift für Sexualforschung erschienen. Das Heft und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

  • Franziska Breu & Hertha Richter-Appelt: Eine retrospektive Erfassung des erinnerten Erziehungsstils und der Familienstruktur von Personen mit transidentem Erleben

    Zusammenfassung:

    Einleitung: Bisher bestehen wenig gesicherte wissenschaftliche Daten zur innerfamiliären Beziehungsqualität sowie zu dem Erziehungsstil der Eltern von transidenten Personen. Forschungsziel: Ziel der Studie war es, die Erziehungseinstellung und -praktiken sowie die Qualität innerfamiliärer Beziehungen von transidenten Personen rückblickend zu erfassen. Methoden: An einer Stichprobe von 99 Teilnehmenden wurde untersucht, ob sich transidente Personen (N = 46) bezüglich des erinnerten Erziehungsstils beider Elternteile sowie der Qualität der innerfamiliären Beziehungen von Personen ohne transidentes Erleben (N = 53) unterscheiden. Zusätzlich wurde die Gruppe der transidenten Personen hinsichtlich der erzielten Werte auf den FEPS-Skalen mit einer intergeschlechtlichen Stichprobe (N = 37) verglichen. Der erinnerte Erziehungsstil wurde mit dem Fragebogen zu Erziehungseinstellungen und Erziehungspraktiken (FEPS), die Qualität der familiären Beziehungen mit der Beziehungs-Kontext-Skala (BKS) erfasst. Ergebnisse: In der Gegenüberstellung mit der Vergleichsgruppe erinnerten transidente Personen im Durchschnitt sowohl Mutter als auch Vater als weniger fürsorglich und autonomiefördernd und den Vater in einem stärkeren Maß als bestrafend. Zudem bewerteten transidente Personen die erinnerten Beziehungsrepräsentanzen innerhalb der Familie negativer. Ferner berichtete die Gruppe der transidenten Personen über eine höhere Trennungsrate der Eltern. Die intergeschlechtliche Stichprobe erinnerte im Vergleich zu den transidenten Personen sowohl Mutter als auch Vater als weniger fürsorglich und autonomiefördernd und als stärker bestrafend und materiell belohnend. Schlussfolgerung: Die Resultate stützen die Annahme, dass die Eltern-Kind-Beziehung von transidenten Personen sowie von intergeschlechtlichen Personen deutlichen Belastungen ausgesetzt sein kann.

  • Nicola Döring: Wie wird das Problem des sexuellen Kindesmissbrauchs auf YouTube thematisiert?

    Zusammenfassung:

    Einleitung: Sexueller Kindesmissbrauch (SKM) ist ein weit verbreitetes und gravierendes gesellschaftliches Problem. Eine verbesserte Problemlösung im Sinne wirkungsvoller Prävention und Intervention hängt von vielen Faktoren ab – nicht zuletzt davon, wie die Medien die breite Öffentlichkeit und die Politik über das komplexe Problem informieren. Aus diesem Grund wurde bereits mehrfach untersucht, wie SKM in Presse und Fernsehen, Büchern und Kinofilmen dargestellt wird. Forschungsziele: Die vorliegende Studie betrachtet erstmals, wie sexueller Kindesmissbrauch auf der Videoplattform YouTube thematisiert wird. Die Untersuchung von YouTube ist besonders relevant, da es sich national wie international um die reichweitenstärkste Social-Media-Plattform handelt. Methoden: Auf der Basis einer Analyse von N = 300 deutschsprachigen sowie ausgewählten englischsprachigen SKM-bezogenen YouTube-Videos wird herausgearbeitet, 1) von wem diese Videos stammen, 2) welche Form und welche Inhalte sie haben, 3) wie ihre Qualität einzuschätzen ist, und 4) welche Nutzungsweisen ihre Social-Media-Metriken erkennen lassen. Ergebnisse: Im Vergleich zur massenmedialen Behandlung von SKM zeigen sich in der SKM-Thematisierung auf YouTube spezifische Stärken (z. B. verstärkte Beteiligung Betroffener am Diskurs), aber auch neue Schwächen (z. B. ideologische Instrumentalisierung des Missbrauchsproblems). Ebenso zeigen sich Differenzen in der Repräsentation des Missbrauchsproblems zwischen der deutsch- und der englischsprachigen YouTube-Sphäre. Schlussfolgerung: Viele Forschungslücken zur SKM-Thematisierung auf YouTube sind noch zu schließen. Die pädagogische, beraterische und journalistische Praxis sind gefordert, die SKM-Thematisierung auf YouTube konstruktiv mitzugestalten.

  • Stephanie Leitz & Jörg Signerski-Krieger: Sexualität der Vielfalt? Eine empirische Untersuchung niedersächsischer Biologiebücher

    Zusammenfassung:

    Einleitung: Der Landtagsbeschluss in Niedersachsen vom 15.12.2014 fordert, Schule müsse bei der Förderung der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen die Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Identitäten (Homo-, Bi-, Trans- und Intersexualität) berücksichtigen. Die Schulbuchverlage wurden aufgefordert, die Schulbücher für das Land Niedersachen dieser Zielsetzung folgend zu überarbeiten. Forschungsziele: Ziel der vorliegenden Studie war es, die Umsetzung der veränderten Anforderungen exemplarisch anhand von zwei Schulbuchreihen des Faches Biologie zu analysieren. Methoden: Die Schulbücher wurden anhand einer strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2002) untersucht und verglichen. Ergebnisse: Es konnte gezeigt werden, dass die Umsetzung der Beschlüsse des Niedersächsischen Landtags partiell erfolgt ist. Eine Unterstützung von Jugendlichen in der Entwicklung ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität findet teilweise statt, jedoch sind die Ergebnisse qualitativ sehr unterschiedlich: Während die Schulbuchtexte in Bezug auf verschiedene Formen sexueller Orientierung zunehmend inklusiver verfasst wurden, ist die Darstellung von Intergeschlechtlichkeit und Transidentität in den beiden untersuchten aktuellen Schulbüchern knapp gehalten, teilweise fehlerhaft oder steht im Widerspruch zu anderen Teilen der Schulbuchtexte. Schlussfolgerung: Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Identitäten bisher in Schulbüchern nur unzureichend abgebildet ist.

Dokumentation

Praxisbeitrag

Schwerpunktheft der Zeitschrift für Sexualforschung (3/2018): Sex-Survey-Forschung in Deutschland

Schwerpunktheft der Zeitschrift für Sexualforschung (3/2018): Sex-Survey-Forschung in Deutschland

Mit der Ausgabe 3/2018 der Zeitschrift für Sexualforschung ist ein Schwerpunktheft zu Sex-Survey Forschung erschienen. Das Schwerpunkheft stellt erste Ergebnisse einer Pilotstudie für einen repräsentativen Sex-Survey in Deutschland zusammen.

Das Heft und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

Praxisbeitrag

Heft 2/2018 der Zeitschrift für Sexualforschung

Heft 2/2018 der Zeitschrift für Sexualforschung

Ende Juni 2018 ist Heft 2/2018 der Zeitschrift für Sexualforschung erschienen. Das Heft und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

Dokumentation

Praxisbeitrag

Bericht

Heft 1/2018 der Zeitschrift für Sexualforschung

Heft 1/2018 der Zeitschrift für Sexualforschung

Ende März 2018 ist Heft 1/2018 der Zeitschrift für Sexualforschung erschienen. Das Heft und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Inhalt:

Originalarbeiten

  • Sefik Tagay, Anja Breidenstein, Hans-Christoph Friedrich, Herbert Rübben, Martin Teufel & Jochen Hess: Entwicklung und Validierung des Essener Transidentität Lebensqualitäts-Inventars anhand einer Stichprobe von Mann-zu-Frau transidenten Personen
    Zusammenfassung

    Einleitung: Die spezifische Lebensqualität (LQ) transidenter Menschen ist bislang unzureichend untersucht worden, zudem existiert bislang kein Messverfahren zur Erfassung der transidentitätsspezifischen LQ. Forschungsziele: Ziel der Studie war es, das Essener Transidentität Lebensqualitäts-Inventar (ETLI), bestehend aus 30 Items, zu entwickeln und zu validieren. Methoden: Bei 158 Mann-zu-Frau (MzF) transidenten Personen wurden neben dem ETLI Instrumente zur Erfassung von LQ, sozialer Unterstützung, individueller Ressourcen und psychischer Belastung eingesetzt. Es wurde eine explorative Faktorenanalyse durchgeführt. Ergebnisse: Mittels der explorativen Faktorenanalyse wurden die vier Dimensionen psychische, körperliche und soziale LQ sowie LQ durch Offenheit identifiziert. Die Subskalen zeigten eine gute Reliabilität mit Werten von Cronbachs α zwischen α = .75 und α = .89, die Gesamtreliabilität betrug α = .89. Positive Korrelationen des ETLI mit generischer LQ und Ressourcen sowie negative Korrelationen mit psychischer Belastung weisen auf eine sehr gute Konstruktvalidität hin. Schlussfolgerung: Das ETLI als Instrument zur Erfassung der transidentitätsspezifischen LQ stellt eine wichtige Ergänzung zu Messinstrumenten der generischen LQ dar. Es kann im Forschungs- und Versorgungskontext sowie bei der retrospektiven Evaluation von Veränderungen der LQ und bei der Therapieplanung zum Einsatz kommen.

  • Richard Lemke & Tobias Tornow: Darstellungen von Sexualität in den Massenmedien: Ansätze, Theorien und Befunde inhaltsanalytischer Forschung
    Zusammenfassung

    Einleitung: Darstellungen von Sexualität in den Massenmedien können als kulturelle Szenarien von Sexualität im Sinne der Theorie sexueller Skripte angesehen werden. Forschungsziele: Der Beitrag soll – mit einem Fokus auf diejenigen Skripte, die in alltägliche Unterhaltungsmedien eingebunden sind – einen aktuellen Überblick über inhaltsanalytische Studien zu Sexualitätsdarstellungen in Massenmedien geben. Methoden: Verschiedene forschungslogische Ansätze von Inhaltsanalysen werden diskutiert. Darauf aufbauend werden die theoretischen Einbettungen sexualitätsbezogener Inhaltsanalysen aufgezeigt. Anschließend wird anhand ausgewählter Schlüsselstudien dargestellt, wie sexuelles Verhalten inhaltsanalytisch bisher operationalisiert wurde, und welche empirischen Befunde vorliegen. Ergebnisse: Es zeigt sich, dass Sexualitätsdarstellungen in massenmedialen Unterhaltungsformaten allgegenwärtig sind, aber nicht besonders explizit ausfallen. Weiterhin zeigt sich, dass mediale Sexualitätsdarstellungen bis heute sehr stark geschlechterstereotypisierend ausfallen, allerdings mit deutlichen Differenzen zwischen verschiedenen Mediengenres. Schließlich deutet der Forschungsstand darauf hin, dass die sexuellen Risiken und Konsequenzen von Sex in Unterhaltungsmedien verhältnismäßig selten thematisiert werden. Schlussfolgerung: Die Forschung zu sexuellen Mediendarstellungen im deutschsprachigen Raum weist noch viele Lücken auf. Künftige Studien sind angezeigt.

Dokumentation

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