Heft 3/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung

Ende September 2019 ist Heft 3/2019 der Zeitschrift für Sexualforschung erschienen. Das Heft und die einzelnen Beiträge sind hier als pdf auf der Website des Verlags erhältlich.

Bei dem Heft handelt es sich um ein Debatten-Schwerpunktheft zur Frage „Wer oder was bestimmt das Geschlecht?“. Aus dem Editorial von Peer Briken:

„Das Thema Geschlecht beschäftigt uns in der Sexualforschung und in der Sexualmedizin auf vielfältige Weisen: In der Sex-Survey-Forschung gab es lange Zeit nur zwei Geschlechter: männlich und weiblich – wie in fast allen großen Bevölkerungsstichproben. Aber im Jahr 2019 können wir geschlechtliche Minderheiten in der Sex-Survey-Forschung nicht mehr einfach diskriminieren – indem wir sie unsichtbar machen – und wollen andere Wege für die Erfassung der geschlechtlichen Vielfalt gehen. In der Patient_innenversorgung sind trans Personen inzwischen eine große Gruppe, die in unterschiedlichen Kontexten beraten wird oder medizinische bzw. psychotherapeutische Unterstützung erhält. Hier entwickeln sich neue Standards (vor Kurzem wurden neue Leitlinien veröffentlicht), neue Wege der Versorgung (z. B. in Form von internetbasierter Gesundheitsversorgung), es werden aber auch viele schwierige Kontroversen ausgetragen, wie bspw. die Frage nach pubertätsunterdrückenden Hormonbehandlungen bei Jugendlichen. Angesichts der Einführung einer weiteren positiven Geschlechtskategorie im deutschen Recht im Dezember 2018 und den gesellschaftlichen Kontroversen zu Varianten der Geschlechtsentwicklung bzw. Intergeschlechtlichkeit können sich auch diejenigen Institutionen, die auf der Norm der Zweigeschlechtlichkeit bestehen wollen, nicht mehr einfach aus der Debatte zurückziehen. Daher haben wir beschlossen, das Thema in der „Zeitschrift für Sexualforschung“ aufzugreifen und ihm ein eigenes Schwerpunktheft zu widmen.

Geboren wurde die Idee im Zug: Vor einiger Zeit fuhr ich mit Jorge Ponseti und Aglaja Stirn mehrere Stunden gemeinsam von einem Forschungstreffen nach Hause. Zunächst sprachen wir über die Behandlung von Transgender-Jugendlichen – vor allem über die genannte Kontroverse um pubertätsunterdrückende Hormonbehandlungen –, bis wir auf das breite Thema Geschlecht kamen. Jorge Ponseti entwickelte dabei seine Gedanken und es zeigten sich sofort sehr unterschiedliche Standpunkte, die in eine interessante Diskussion zwischen uns dreien mündeten. Dies veranlasste mich, Ponseti und Stirn zu bitten, ihre Position schriftlich auszuarbeiten und als Aufschlag für eine breit geführte Debatte in der „Zeitschrift für Sexualforschung“ zur Verfügung zu stellen. Beide entwarfen einen umfangreichen Text und erklärten sich freundlicherweise einverstanden, dass wir diesen durch ausgewählte Kolleg_innen kommentieren lassen.

So können wir in diesem Heft nun eine spannende und hochkontroverse Debatte führen.“

Inhalt:

Debatte

  • Jorge Ponseti & Aglaja Stirn: Wie viele Geschlechter gibt es und kann man sie wechseln?

    Zusammenfassung:

    Die Aufteilung des Menschen in zwei Geschlechter wurde in jüngerer Vergangenheit kritisiert, da es keine genaue Grenze zwischen beiden Geschlechtern gebe und weil die Vorstellung von der Existenz zweier Geschlechter selbst das Ergebnis eines sozialen Konstruktionsprozesses sei. Daher sei Geschlecht etwas, was eine Person nur für sich bestimmen könne, folglich Transsexualität/Geschlechtsdysphorie keine psychische Störung und die Ansprüche der Betroffenen nach selbstbestimmter Wahl geschlechtsangleichender Maßnahmen legitim. In der vorliegenden Arbeit wird die klassische Auffassung der Zweigeschlechtlichkeit durch die Fortpflanzungsfunktion begründet. Die Unterschiedlichkeit von Samen- und Eizelle (Anisogamie) hat weitreichende Konsequenzen für die Lebenswirklichkeit des Menschen und begründet geschlechtstypische Verhaltensneigungen und Geschlechtsrollen. Der aktuelle Begriff Geschlechtsidentität wird kritisiert und einem anderen Identitätskonzept, das therapeutische Anknüpfungspunkte bietet, gegenübergestellt. Ferner wird erläutert, wie sich die Kritik am klassischen Geschlechtsbegriff nachteilig für die Sexualwissenschaft sowie auch für die Therapie geschlechtsdysphorischer Menschen auswirkt. Die Annahme, dass eine Psychotherapie der Geschlechtsdysphorie unethisch ist, wird diskutiert und den Ergebnissen neuerer Katamnesestudien gegenübergestellt. Unter Berücksichtigung neurowissenschaftlicher Studien werden Vorschläge für eine neue psychotherapeutische Strategie gemacht.

  • Robin Bauer: Biologie als Schicksal? Kommentar zu „Wie viele Geschlechter gibt es und kann man sie wechseln?“ aus wissenschafts- und gesellschaftstheoretischer Perspektive

    Zusammenfassung:

    Der Kommentar analysiert im ersten Teil das Wissenschaftsverständnis, das dem Beitrag von Ponseti und Stirn zugrunde liegt. Es wird entgegen dem Paradigma einer wertneutralen Wissenschaft argumentiert, dass die Erzeugung wissenschaftlichen Wissens im sozio-historischen und politischen Kontext gesehen werden muss, und dargelegt, inwiefern der Beitrag von Ponseti und Stirn auch eine politische Intervention darstellt. Der dem Artikel inhärente biologische Determinismus wird problematisiert. Im zweiten Teil wird argumentiert, dass Trans*Identitäten nur im gesellschaftlichen Kontext zu verstehen sind, vor allem in Bezug auf die wirkmächtige Norm der Zweigeschlechtlichkeit sowie die institutionellen Rahmenbedingungen eines Transitionsprozesses. Die Vielfalt der Strategien von Trans*Personen im Umgang mit ihren nicht normkonformen Selbstbildern wird Ponseti und Stirns Engführung aus der Begutachtungspraxis entgegengestellt.

  • Heinz-Jürgen Voß: Kommentar zu „Wie viele Geschlechter gibt es und kann man sie wechseln?“ aus biologischer Perspektive

    Zusammenfassung:

    Als promovierter Biologe gibt der Autor von „Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“ (2010) einen Überblick über die biologische Forschung zu Geschlecht. Unhinterfragte Zweigeschlechtlichkeit wird als Gender-Ideologie dargelegt, indem eine differenzierte biologische Sichtweise auf Geschlecht aufgezeigt wird. Auch wird argumentiert, dass die Fortpflanzungsfähigkeit des Genitaltrakts nicht lebensnotwendig ist, sodass Varianz hier ebenso möglich ist wie bei sexuellen Lebensweisen.

  • Paula-Irene Villa: Geschlecht: Die Magie der Anisogamie. Ein Kommentar zu Ponseti und Stirn

    Zusammenfassung:

    Der Beitrag setzt sich mit den Argumenten und Studien auseinander, die Ponseti und Stirn aufbringen. Ihnen wird ein biologischer Reduktionismus bescheinigt, der paradoxerweise das Unbehagen an der identitäts-subjektiven Engführung von Geschlecht durch eine spiegelbildliche Engführung von Geschlecht auf Anisogamie wiederholt. Als bessere Alternative wird ein biosoziales Verständnis von Geschlecht skizziert, das der empirischen Komplexität von Geschlechtlichkeit sowie dessen (Un-)verfügbarkeit besser gerecht wird.

  • Bernhard Strauß und Timo O. Nieder: Schwierigkeiten bei der Interpretation von Längsschnittstudien bei Menschen mit Geschlechtsinkongruenz oder Geschlechtsdysphorie: Ein Kommentar zu Ponseti und Stirn (2019)

    Zusammenfassung:

    Der Kommentar nimmt Bezug auf die von Ponseti und Stirn formulierte Kritik an der S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung bei Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit. Dabei problematisieren wir zunächst die begriffliche Gleichsetzung von Transsexualismus auf der einen mit Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie auf der anderen Seite. Im Anschluss diskutieren wir die unzulässigen Schlüsse, die Ponseti und Stirn aus den Befunden einzelner Katamnesestudien ziehen und argumentieren, dass die genannten Befunde keine Rückschlüsse auf die Wirksamkeit der Behandlung des Transsexualismus zulassen, sondern ausschließlich die Gesundheit von trans Personen nach multimodaler geschlechtsangleichender Behandlung beschreiben. Schließlich stellen wir die Überlegungen infrage, die die Autor_innen zur Psychotherapie des Transsexualismus in ihrem Beitrag äußern.