Am 8. Dezember 2019 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) unter der Überschrift „Einmal Mann sein, bitte“ ein Artikel der Redakteurin Kathrin Hummel (erneut erschienen in der Online-Ausgabe der FAS unter der Überschrift „Einmal Mann sein – und wieder zurück“).

Der Vorstand der DGfS empfand diesen Artikel nicht nur übermäßig polarisierend, sondern auch stellenweise fachlich falsch recherchiert und insgesamt für den Abbau von Diskriminierung in unserer Gesellschaft eher hinderlich als förderlich.

Artikel in der Online-Ausgabe der FAS auf faz.net

Schon im Beginn der Artikel heißt es

„Die Zahl der jungen Frauen, die sich für transgender halten, explodiert. Nie zuvor war es für sie so einfach, Testosteron zu schlucken oder sich die Brüste abnehmen zu lassen. Mit zum Teil fatalen Folgen.“

und weiter

„Tatsächlich ist es zurzeit in gewissen jugendlichen Milieus cool, trans zu sein. Die Folgen einer Geschlechtsangleichung – lebenslange Hormoneinnahme, Operationen an gesunden Genitalien, Kinderlosigkeit – blenden die Jugendlichen meist aus.“

Wir haben der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung daher am 6. Januar als Reaktion auf diesen Artikel einen Brief geschrieben. Leider blieb er bislang unbeantwortet. Übrigens: Der Frage „Wer oder was bestimmt das Geschlecht?“ widmete sich die Zeitschrift für Sexualforschung erst kürzlich in einem Schwerpunkt-Debattenheft (Heft 3/2019).

 

6. Januar 2020

An die

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

 

Reaktion der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung auf Ihren Artikel „Einmal Mann sein bitte“ von Katrin Hummel

Der Vorstand der DGfS hat der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 6. Januar als Reaktion auf diesen Artikel einen Brief geschrieben.

Als älteste medizinische, therapeutische und wissenschaftliche Gesellschaft für Sexualforschung in Deutschland, die für die AWMF S3-Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: Diagnostik, Beratung, Behandlung“ die Federführung übernommen hat, reagieren wir auf Ihren Artikel in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 08.12.2019.

Wir möchten zunächst korrigieren, dass die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS), entgegen Ihrer Behauptung sehr wohl auch eine medizinische Fachgesellschaft ist. Schon mit Gründung der Gesellschaft 1950 im Klinikum der Universität Frankfurt am Main durch den Mediziner Hans Giese wurde der Grundstein für die medizinisch-wissenschaftliche Ausrichtung unserer Fachgesellschaft gelegt. Seit fast zwanzig Jahren ist die DGfS Mitglied der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften). Dass nur medizinische Fachgesellschaften in diesem Arbeitskreis tätig sein können, versteht sich von selbst.

Das Thema „Transgender“ ist seit den Anfängen der DGfS bis heute ein zentrales Thema unserer Fachgesellschaft. Schon im Juni 1974 wurde eine „medizinisch-rechtliche Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung zum Transsexualismus“ an den damaligen Bundesminister der Justiz der BRD geschrieben und veröffentlicht. Seitdem gab es viele kritische und kontrovers geführte Diskussionen zu dieser Thematik, die zu unserer heutigen Haltung geführt haben. Die S3-Leitlinie baut auf dieses Wissen auf und wurde gemeinsam mit 13 anderen medizinischen Fachgesellschaften in den Jahren 2011 bis 2018 entwickelt. Die Deutsche Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft (DGSMTW) hat sich als einzige Fachgesellschaft erst kurz nach Verabschiedung der Leitlinie, also am Ende dieses jahrelangen Prozesses, dagegen entschieden, diese Leitlinie zu unterstützen. Die DGfS und 12 weitere medizinische Fachgesellschaften stehen weiterhin hinter den Inhalten der Leitlinie und haben auf die Stellungnahme der DGSMTW reagiert. Diese Stellungnahme ist für alle Interessierte auf der Website der AWMF nachzulesen.

Ihre Darstellung der Behandlung von Menschen mit Geschlechtsinkongruenz, die wir als polarisierend lesen, ist fachlich nicht gründlich recherchiert: Zunächst vermischen Sie die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit der von Erwachsenen. Aus gutem Grund wird diese in Fachkreisen getrennt betrachtet und so wird es bald eine eigene Leitlinie für Kinder und Jugendliche mit Geschlechtsinkongruenz geben. Viele Ihrer Argumente, die sich auf die angeführte Leitlinie beziehen, sind damit nicht korrekt.

Sie schreiben, es sei in gewissen Kreisen junger Menschen „cool“ geworden, trans* zu sein und suggerieren, dass all diese Menschen Hormone nehmen und sich operieren lassen wollen. Aus der klinischen Erfahrung mit Menschen, die viel darum gäben, nicht diskriminiert zu werden, nicht lebenslang Medikamente nehmen, sich Begutachtungen und Operationen unterziehen zu müssen, ist das nicht nachvollziehbar. Überdurchschnittlich oft stecken hinter der Aussage, trans zu sein, nicht nur der Wunsch „cool“ zu sein, sondern innerpsychische Konflikte, die mit einem Leidensdruck verbunden sind und für die ein Ausweg gesucht wird. Welcher Weg der richtige ist, ist gerade für junge Menschen besonders wichtig und teilweise besonders schwer zu entscheiden. Dabei bleibt es oberste Prämisse, keinen Schaden anzurichten und die Jugendlichen entsprechend ihrer individuellen Geschlechtsidentität zu fördern. Dies ist meist mit schwierigen Entscheidungen verbunden. Denn: Auch das Abwarten einer Behandlung und die damit verbundenen unwiderruflichen Veränderungen der Pubertät können Schaden anrichten.

Es gibt keine Klarheit darüber, warum die Zahlen von Menschen mit Geschlechtsinkongruenz, die sich in den entsprechenden Spezialambulanzen vorstellen, steigen. Wissenschaftler_innen können aktuell lediglich mutmaßen. Ein Teil der Wahrheit ist, dass wir als Gesellschaft und als Behandler_innen toleranter geworden sind und trans Menschen leichter eine Anlaufstelle im medizinischen System und in Peergroups finden. Aber das erklärt den Anstieg nicht allein. Wie so vieles ist auch eine Geschlechtsinkongruenz ein bio-psycho-soziales Geschehen, das einem kulturellen Wandel unterworfen ist. In diesem Zusammenhang aber von „cool“ zu sprechen, hilft weder Menschen mit Geschlechtsinkongruenz, noch hat es in der Vergangenheit bei anderen Konstrukten wie Essstörungen oder bestimmten Persönlichkeitsstörung (z.B. Borderline-Störung) geholfen. Auch bei diesen waren starke Zunahmen von Behandlungssuchenden zu beobachten, nachdem das Krankheitsbild Anerkennung erfahren hatte.

Das gehäufte Auftreten psychischer Erkrankungen bei Menschen mit Geschlechtsinkongruenz ist in vielen Studien belegt worden. Falsch ist es aber, zu dem Schluss zu kommen, dass beim Vorliegen einer zusätzlichen psychischen Erkrankung diese erst psychotherapeutisch „geheilt“ werden müsse, bevor man unterstützend behandeln darf. Richtig ist, dass natürlich auch zusätzlich vorliegende psychische Erkrankungen ebenso wie somatische Erkrankungen adäquat behandelt werden sollen. Die Einschätzung, ob eine psychische Krankheit durch die Geschlechtsinkongruenz bedingt ist, Folge von Diskriminierung, Schamerleben und anderen psychischen Stressoren ist oder sogar eine Geschlechtsinkongruenz begünstigt oder mitausgelöst haben könnte, bedarf viel psychotherapeutischer Erfahrung und ist manchmal selbst trotz dieser Erfahrung sehr schwierig. Es ist dann die Herausforderung für die Sexualtherapeut_innen, eine Entscheidung individuell und im Sinne der Patient_innen in einem partizipativen therapeutischen Diskurs zu erarbeiten. Häufig gehen Symptome wie Suizidgedanken, hohe Anspannungszustände, Selbstverletzungen und die Ablehnung des eigenen Körpers durch eine erfolgreiche Transition zurück.

Es dauert in der Regel circa ein Jahr, bis eine Hormontherapie indiziert wird, auch wenn sich die Patient_innen häufig ein schnelleres Vorgehen wünschen. Aber um zu wissen, was unnötig ist, muss man im Gespräch mit Patient_innen herausfinden, „was los“ und überhaupt nötig ist. Bei weitem nicht jeder Mensch mit Geschlechtsinkongruenz braucht eine somatische Behandlung. Nicht jeder Mensch, der hormonell behandelt wird, wünscht im Anschluss eine chirurgische Maßnahme. Wichtig ist es aber, die Freiheit zu haben, individuell entscheiden zu können. Der Wegfall des sogenannten „Alltagstests“, auf den Sie auch eingehen, ist zum Beispiel eine wichtige Errungenschaft. Für viele Menschen war dieser nicht nur quälend, sondern je nach sozialem Umfeld sogar gesundheitsgefährdend, denn auch gewaltsame Übergriffe gegen Menschen mit Geschlechtsinkongruenz kommen leider immer wieder vor. Im Rahmen dieser früher üblichen „Alltagstests“ wurde nicht selten verlangt, genderstereotyp weiblich oder männlich aufzutreten, bevor eine körperangleichende Behandlung indiziert und durchgeführt wurde. Aber wer sagt denn, dass eine Frau lange Haare, hohe Schuhe und Make-up tragen muss? Wer, dass ein Mann Hosen und Pullover tragen muss? Wir möchten die Praxis des „Beweisen Sie es mir doch erstmal!“ überwinden hin zu einem „Lassen sie uns gemeinsam untersuchen, ob dieser Weg nachhaltig und wirklich der richtige für Sie ist.“ Dafür brauchen wir das Vertrauen unserer Patient_innen und sie brauchen unser Vertrauen.

Die DGfS möchte einem offenen und akzeptierenden Umgang und der Möglichkeit, auch jenseits von geschlechtlicher Binarität zu denken, den Weg ebnen. Dies bedeutet, im individuellen Falle eine Transition zu ermöglichen, auch wenn dies Angst und Unbehagen auslösen kann. Diese Angst sollten wir verstehen, aber nicht schüren.

Melden Sie sich doch gerne bei weiteren Veröffentlichungen zum Thema oder zu unserer Fachgesellschaft im Vorfeld bei uns. Wir unterstützen und kommentieren sehr gerne.

Mit freundlichen Grüßen

Der Vorstand der

Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung