Die Corona-Pandemie fordert uns heraus. Wir müssen unser Denken und Handeln der aktuellen Situation anpassen, unser Leben neugestalten und unsere zwischenmenschlichen Kontakte kontrollieren. Wir müssen Abstand halten und das unterstützt die DGfS.

Im Rahmen der Pandemie mag es zunächst überflüssig klingen, wenn wir unsere Gedanken den Sexualitäten des Menschen widmen. Doch als Vorstand der DGfS fühlen wir uns verantwortlich, Sexualitäten als unschätzbar wertvolle Erlebensmomente des Menschen und als Teil einer ganzheitlichen Gesundheit in allen Zeiten im Auge zu behalten und zu kommunizieren, auch in dieser globalen Krise. Berührt hat uns ein Kommentar des russischen Theaterregisseurs Kirill Serebrennikow, der anderthalb Jahre in heimischer Isolation war. Deutschlandradio Kultur zitiert seine Erfahrungen: „Tun Sie, wozu Sie Lust haben. Gucken Sie jeden Tag einen neuen Film. Hören Sie neue Musik. Haben Sie jeden Tag Sex. Säen Sie Blumen auf der Fensterbank aus. Nähen Sie sich ein neues Kleid.“ Hauptsache, es bereitet Vergnügen. „Sie sollten sich jeden Tag über irgendetwas unglaublich freuen.“ (www.deutschlandfunkkultur.de)

Die Corona-Pandemie reduziert die Möglichkeiten menschlicher Begegnungen auf der körperlichen und auch auf der erotisch-sexuellen Ebene. Anders als im Rahmen der HIV-Epidemie greift das Corona SARS CoV 2 alle Formen sexueller Kommunikation an. Eine sexuelle Minderheit kann diesmal nicht diskriminiert werden, zum Glück. Da es unter dem Corona SARS CoV 2 keinen „geschützten Verkehr“ gibt, sich aber im Moment der sexuellen Lust die Kontrolle über vernünftiges Handeln – physiologisch – reduziert, muss das Thema „Sexualitäten zu Zeiten von Corona SARS CoV 2“ aus unserer Sicht transparent kommuniziert werden und öffentliche Aufklärung erfolgen. Jede_r trägt Verantwortung. Auch die DGfS und ihre Mitglieder sind aufgerufen, durch Austausch, Information und Gespräche dazu beizutragen, Infektionswege zu reduzieren. Es gilt dabei, die Menschen zu ermuntern, Möglichkeiten des sexuellen Lebens ohne Infektionsgefahr untereinander offen zum Thema zu machen. Das kann einen wichtigen Teil zur Gesunderhaltung beitragen, körperlich wie psychisch.

Sexuelles Begehren lässt sich nicht durch Ausgangsbegrenzungen regulieren – ein Aspekt, der in öffentlichen Aufklärungskampagnen neben wichtigen Verhaltensregeln und existenziell bedeutsamen Informationen nicht vergessen werden darf. Die Bewusstwerdung, die eigene Sexualität wieder zügeln zu müssen, kann unermesslich schmerzlich sein. Mal wieder zeigt sich das Sexuelle in dem Konflikt, in dem es immer schon war: Im Konflikt zwischen Begierde und Verbot – ein scheinbar unlösbares Dilemma.

Sexualwissenschaftlich stellen sich viele Fragen. Es wird spannend zu erforschen, wie sich Sexualitäten unter dem Corona SARS CoV 2 verändern und möglicherweise entwickeln. Schon jetzt zeigt sich in Ländern mit durchgesetzter Ausgangs- und Kontaktsperre ein signifikanter Anstieg der Nutzung von Internetpornographie. Und vielleicht wird die Pandemie generell den schon jetzt so vielfältigen digitalen sexuellen Interaktionen eine noch breitere Nutzer_innenschaft bescheren. Wir haben aber nicht nur neosexuelle Formen oder digitale Sexualitäten im Auge, sondern den sexuellen Bewegungsspielraum von uns allen, von der Jugend bis ins Alter. Erste sexuelle Begegnungen in der Pubertät, Spontaneität und Ausprobieren in den Sexualitäten sind mit Infektionsgefahr verbunden. Jeder Seitensprung, jede Umarmung, jeder Kuss, jede Berührung, polyamouröses Liebesleben, bereits „kleine“ sexuelle Abenteuer können zu gesundheitlichen Folgen führen.

Noch ist es zu früh, von einer Ära der sexuellen Umwälzung zu sprechen, aber das Nachdenken darüber hat begonnen. Untersuchungen, wie sich die Pandemie auf sexuelle Verhaltens- und Erlebensweisen, und auch auf Minoritätenstress auswirken wird, sind in Vorbereitung. Das begrüßen wir. Wir möchten Sie und uns auch ermutigen, die Beobachtungen und Erfahrungen in den Arbeitsfeldern festzuhalten, vielleicht zu verschriftlichen, und untereinander, gerne auch mit uns auszutauschen. Schon jetzt wissen wir im Vorstand, dass das Thema „Corona SARS CoV 2 und Sexualitäten“ uns in der Folgezeit und somit auf unseren nächsten Tagungen beschäftigen wird – zur Reflexion und Bewältigung, und zur Erarbeitung neuer Erkenntnisse.

Uns liegt am Herzen, all die Menschen zu erwähnen, die dauerhaft therapeutischer Hilfen bedürfen. Insgesamt ist in allen Versorgungsstrukturen des Gesundheitssystems mit Ungewissheit und Wartezeiten zu rechnen. Vielerorts ist eine anhaltende Versorgung mit sexualtherapeutischer Expertise und stützenden Strukturen nun erschwert, manchmal sogar unterbunden. Soziale Haltepunkte, von der Gruppentherapie bis zu Selbsthilfetreffen, fallen weg. Geplante Operationen zur Milderung von Geschlechtsinkongruenz werden abgesagt und auf unbestimmte Zeiten verschoben. All dies sind Bedrohungen und Risikofaktoren für die Gesundheit unserer Klient_innen. Es lässt sich jetzt schon erleben, wie unterschiedlich die Reaktionen sind. Es gibt Menschen, die in dieser Zeit gute Ressourcen zeigen, aber auch diejenigen, die in schwere psychische Krisen geraten, so dass wir auch mit suizidaler Gefährdung rechnen müssen. Auf all diese Reaktionsmuster wollen wir vorbereitet sein.

Daher sind wir herausgefordert, bewährte und neue Formen des therapeutischen und kollegialen Kontakts, wie etwa Telefonate, Briefe und Videosprechstunden wiederzuentdecken oder zu erproben, und die Erfahrungen damit festzuhalten und zu untersuchen.

So möchten wir auch als Netzwerk und als Fachgesellschaft im Kontakt mit Ihnen bleiben. Wir freuen uns, von Ihnen zu hören und zu lesen. Halten Sie Abstand, und bitte bleiben Sie in Verbindung!

Wir bleiben verbunden, mit guten Wünschen

Ihr Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS)

 

Kontakt: Annette Güldenring (Gueldenring@dgfs.info)